Wie viele Anteile in der Seed-Runde abgeben?
Wie viele Anteile du in der Seed-Runde abgeben solltest: Faustregeln, eine Methode für deine Zahl und Rechenbeispiele zur Verwässerung über mehrere Runden.
Veröffentlicht
Eine häufig genannte Faustregel lautet, dass in einer Seed-Runde etwa 10 % bis 25 % des Unternehmens verkauft werden. Diese Spanne ist aber Orientierung, kein Ziel, und sie variiert je nach Markt. Die richtige Zahl ist der kleinste Anteil, der genug Geld bringt, um die Meilensteine zu erreichen, von denen deine nächste Runde abhängt – zu einer Bewertung, die der Markt akzeptiert. Rechne von unten nach oben: erst die Meilensteine, dann der Betrag, dann die Bewertung. Und vergiss nicht, den Optionspool einzurechnen.
Dieser Artikel konzentriert sich auf die Entscheidung selbst. Die zugrunde liegende Rechnung findest du im Artikel Pre-Money- und Post-Money-Bewertung.
Warum es nicht die eine richtige Antwort gibt
Der Anteil, den du verkaufst, ergibt sich aus zwei Zahlen: dem eingesammelten Betrag und der Post-Money-Bewertung.
Verkaufter Anteil = Investment ÷ Post-Money-Bewertung
Die Bewertung kannst du nur begrenzt beeinflussen. Sie hängt von deiner Traktion, deinem Team, deinem Markt, dem Wettbewerb unter Investoren und dem allgemeinen Finanzierungsumfeld ab. Der Betrag dagegen ist weitgehend deine Entscheidung. Damit ist der Betrag der wichtigste Hebel – und deshalb solltest du dort anfangen.
Eine Methode, um deine Zahl zu finden
Schritt 1: Meilensteine festlegen
Was muss erreicht sein, wenn du wieder Kapital aufnimmst – oder wenn du keines mehr brauchst? Formuliere die Meilensteine konkret und messbar:
- Ein Produkt-Release mit bestimmten Funktionen, nach denen Kunden gefragt haben
- Ein Umsatz- oder Nutzungsniveau plus Belege für Kundenbindung
- Ein oder zwei Schlüsselpositionen besetzt
- Ein wiederholbarer Akquisekanal mit bekannten Kosten
Schritt 2: Den Plan durchrechnen
Erstelle ein Monatsbudget, das dich zu diesen Meilensteinen bringt. Füge einen Puffer hinzu, denn Pläne verschieben sich. Viele Gründer planen einige Monate Runway über den Plan hinaus ein, damit sie nicht fundraisen müssen, während die Uhr abläuft.
Schritt 3: Eine realistische Bewertungsspanne schätzen
Sprich mit Gründern, die kürzlich in deinem Markt und deiner Phase Kapital aufgenommen haben, und frag Investoren direkt, was sie sehen. Betrachte das Gehörte als Anekdoten, nicht als Benchmarks. Arbeite mit einem niedrigen, mittleren und hohen Szenario.
Schritt 4: Die Verwässerung in jedem Szenario berechnen
Beispiel: Du brauchst 900.000 €, um deine Meilensteine inklusive Puffer zu erreichen.
| Pre-Money-Bewertung | Post-Money | Investorenanteil |
|---|---|---|
| 2,7 Mio. € | 3,6 Mio. € | 25,0 % |
| 3,6 Mio. € | 4,5 Mio. € | 20,0 % |
| 5,1 Mio. € | 6,0 Mio. € | 15,0 % |
Jede dieser Kombinationen kannst du mit dem Pre-Money- & Post-Money-Rechner prüfen.
Schritt 5: Den Optionspool ergänzen
Will der Investor einen Pool von 10 % der Post-Money-Kapitalisierung, der vor der Runde geschaffen wird, verlieren die Gründer diese 10 % zusätzlich. Im mittleren Szenario oben gingen die Gründer von 100 % auf 100 % − 20 % − 10 % = 70 %, nicht auf 80 %.
Schritt 6: Weiter nach vorn schauen
Eine Runde allein sagt wenig. Entscheidend ist, wo du nach den Runden stehst, die du erwartest. Darum geht es im nächsten Abschnitt.
Verwässerung über mehrere Runden modellieren
Angenommen, zwei Gründer halten je 50 %, und der Weg führt über Seed, Series A und Series B. In jeder Runde gehen 20 % an neue Investoren, und vor jeder Runde wird der Optionspool auf 10 % des Unternehmens nach der Runde gesetzt. Der Einfachheit halber nehmen wir an, dass noch keine Optionen zugeteilt wurden, der bestehende Pool also auf das 10-%-Ziel angerechnet wird. Die Zahlen sind rein beispielhaft.
| Nach Runde | Gründer zusammen | Optionspool | Seed-Investoren | Series A | Series B |
|---|---|---|---|---|---|
| Start | 100 % | 0 % | – | – | – |
| Seed (20 % + 10 % Pool) | 70,0 % | 10,0 % | 20,0 % | – | – |
| Series A (20 %, Pool bleibt bei 10 %) | ~54,4 % | 10,0 % | ~15,6 % | 20,0 % | – |
| Series B (20 %, Pool bleibt bei 10 %) | ~42,3 % | 10,0 % | ~12,1 % | ~15,6 % | 20,0 % |
Echte Cap Tables sind unordentlicher: Sobald Optionen an Mitarbeitende zugeteilt sind, muss der Pool wieder aufgefüllt werden, was die Gründer zusätzlich kostet. Das Muster ist trotzdem klar. Drei Runden à 20 % plus Pool-Aufstockungen können zwei Gründern zusammen deutlich weniger als die Hälfte des Unternehmens lassen – und hätte die Seed-Runde 30 % statt 20 % verkauft, läge jede Zeile darunter ebenfalls tiefer.
Probiere verschiedene Wege im Verwässerungsrechner aus. Du kannst bis zu drei Runden eingeben, jede mit eigener Pre-Money-Bewertung, eigenem Investment und Ziel-Optionspool, und siehst nach jeder Runde die Beteiligungstabelle.
Wann es sinnvoll sein kann, mehr abzugeben
Einen größeren Anteil zu verkaufen, ist nicht immer ein Fehler.
- Die Meilensteine sind teuer. Hardware, regulierte Branchen und Deep Tech brauchen oft mehr Kapital, bevor sich Belege zeigen.
- Der Investor bringt etwas schwer Ersetzbares mit. Vertrieb, regulatorisches Wissen oder eine wichtige Partnerschaft können zusätzliche Verwässerung wert sein – wenn sie konkret sind und nicht nur ein Versprechen.
- Die Alternative wäre, dass das Geld ausgeht. Eine etwas schlechtere Runde jetzt ist meist besser als eine Notrunde später.
Wann du weniger abgeben solltest
- Du hast bereits starke Traktion und mehrere interessierte Investoren. Wettbewerb unter Investoren ist der verlässlichste Weg zu besseren Konditionen.
- Du erreichst die Meilensteine auch mit weniger Geld. Kleinere Runden mit Business Angels, Umsatz oder Fördermitteln können die Lücke überbrücken.
- Du erwartest noch mehrere Runden. Spielraum in der Cap Table hält die Gründer motiviert und das Unternehmen attraktiv für spätere Investoren.
Alternativen und Ergänzungen zu einer größeren Runde
| Option | Wie sie die Verwässerung verringert | Kehrseite |
|---|---|---|
| Finanzierung in Tranchen | Zweite Tranche fließt, wenn ein Meilenstein erreicht ist | Risiko, dass der Meilenstein verfehlt wird |
| Wandelbare Instrumente mit Cap (z. B. Wandeldarlehen) | Verschiebt die Bewertungsdiskussion | Verwässerung bleibt bis zur Wandlung verborgen |
| Umsatzbasierte Finanzierung | Rückzahlung aus Umsatz, keine Anteile | Braucht planbaren Umsatz |
| Fördermittel und öffentliche Programme | Gar keine Anteile | Antragsaufwand, Verwendungsauflagen |
| Vorauszahlungen von Kunden | Finanziert Wachstum durch Kunden | Funktioniert nur bei starker Nachfrage |
Der Ratgeber zur Startup-Finanzierung erklärt, wie diese Optionen mit einer bepreisten Seed-Runde zusammenspielen.
Wie du mit Investoren über Anteile sprichst
Investoren orientieren sich oft am Anteil, den sie halten wollen, statt an der Bewertung. Ein Seed-Fonds strebt vielleicht in jedem Portfoliounternehmen einen bestimmten Prozentsatz an, weil seine Portfolio-Rechnung nur so aufgeht. Das zu wissen, hilft dir beim Verhandeln.
- Beginne mit dem Plan, nicht mit dem Prozentsatz. Erkläre die Meilensteine und den Betrag, den du dafür brauchst. So geht es in der Diskussion darum, was das Geld bewirkt.
- Frag, welchen Anteil sie anstreben. Das ist eine faire Frage, und die Antwort zeigt dir, ob Betrag und Bewertung, die du im Kopf hast, für diesen Investor realistisch sind.
- Pass die Rundengröße an, nicht nur den Preis. Will ein Investor mehr Anteile, als du abgeben möchtest, kann eine etwas größere Runde zur selben Bewertung helfen – oder ein kleineres Ticket des Lead-Investors, bei dem Business Angels den Rest auffüllen.
- Sprich den Optionspool ausdrücklich an. Einigt euch auf den Einstellungsplan, den der Pool abdecken soll, damit er nach echtem Bedarf bemessen wird und nicht als versteckte Bewertungskorrektur dient.
- Mach alle Angebote vergleichbar. Rechne jedes in den Gründeranteil nach der Runde um, bevor du entscheidest.
Typische Fehler
Zuerst einen Prozentsatz festlegen. „Wir geben nicht mehr als 15 % ab“ klingt diszipliniert. Finanzieren 15 % zur erreichbaren Bewertung aber nicht die Meilensteine, sitzt du zu früh wieder im Fundraising.
Den Optionspool vergessen. Eine 20-%-Runde mit einem 10-%-Pool vor der Runde kostet die Gründer 30 %.
Wandelbare Instrumente ignorieren. Frühere Wandeldarlehen oder SAFEs, die in der Seed-Runde wandeln, erhöhen die Verwässerung. Wie die Wandlung funktioniert, liest du in Wandeldarlehen vs. SAFE.
Um jeden Preis die höchste Bewertung jagen. Eine Bewertung, in die du nicht hineinwachsen kannst, kann die nächste Runde zur Flat- oder Down-Round machen, was meist härtere Bedingungen und Motivationsprobleme mit sich bringt.
Die Aufteilung unter den Gründern übersehen. Sind die Gründeranteile sehr ungleich, kann die Verwässerung den Anteil eines Gründers so weit drücken, dass seine Motivation leidet. Überprüft vor der Runde, wie ihr die Anteile unter Gründern aufteilt und wie euer Vesting aussieht.
Checkliste, bevor du einer Zahl zustimmst
- Meilensteine der Runde sind aufgeschrieben und durchgerechnet
- Der Betrag enthält einen Puffer für Verzögerungen
- Niedriges, mittleres und hohes Bewertungsszenario berechnet
- Größe und Zeitpunkt des Optionspools in der Verwässerung berücksichtigt
- Offene wandelbare Instrumente zur Wandlung modelliert
- Zwei oder drei künftige Runden simuliert
- Gründeranteil nach jeder Runde gemeinsam von allen Gründern geprüft
- Term Sheet von einer Kanzlei in deinem Land geprüft
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Finanzierungsbedingungen für Startups und die rechtlichen Schritte zur Ausgabe von Anteilen unterscheiden sich von Land zu Land; hol dir fachlichen Rat, bevor du dich festlegst.
Häufige Fragen
Wie viel Prozent geben Gründer in der Seed-Runde üblicherweise ab?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Unter Gründern und Investoren wird oft eine Faustregel von etwa 10 % bis 25 % pro Runde genannt, die richtige Zahl hängt aber davon ab, wie viel du brauchst, von deiner Traktion, deinem Markt und dem Finanzierungsklima.
Ist es schlecht, in einer Runde mehr als 25 % abzugeben?
Nicht automatisch, aber es lässt weniger Spielraum für spätere Runden und kann die Cap Table für künftige Investoren unattraktiv machen. Liegst du in der Nähe dieser Marke, prüf, ob eine kleinere Runde oder eine gestaffelte Finanzierung dieselben Meilensteine erreichen würde.
Sollte ich weniger einsammeln, um mehr Anteile zu behalten?
Nur, wenn der kleinere Betrag dich trotzdem zu den Meilensteinen bringt, die die nächste Runde oder Profitabilität ermöglichen. Wenn dir vorher das Geld ausgeht, kostet das meist weit mehr Anteile, als gleich etwas mehr aufzunehmen.
Zählt der Optionspool zu den Anteilen, die ich abgebe?
In der Praxis ja. Verlangt der Investor einen neuen oder größeren Pool, der vor der Runde geschaffen wird, tragen die Gründer auch diese Verwässerung. Rechne ihn also zum Investorenanteil dazu, wenn du ermittelst, was die Runde wirklich kostet.
Ähnliche Artikel
Startup-Finanzierung: von Pre-Seed bis Series A
So funktioniert Startup-Finanzierung: Phasen, Investorentypen, Instrumente, der Prozess Schritt für Schritt und die Zahlen für Investorengespräche.
Pre-Money vs. Post-Money-Bewertung: Formeln und Beispiele
Pre-Money- und Post-Money-Bewertung erklärt: Formeln, Rechenbeispiele, Preis pro Anteil und die Optionspool-Falle, die verändert, was du wirklich bekommst.
Pitch Deck Aufbau: was auf jede Folie gehört
Bewährter Pitch-Deck-Aufbau Folie für Folie: welche Frage jede Folie beantwortet, starke und schwache Beispiele, Designregeln und Checkliste vorm Versand.